Immobilienmakler in der französischsprachigen Schweiz: Herausforderungen und Chancen

Die doppelte Belastung des Westschweizer Maklers im Jahr 2026: Zwischen Angebotsasphyxie und dem Einbruch des Mandatsvolumens.

Der Immobilienmarkt in der Westschweiz durchläuft eine beispiellose strukturelle Veränderung, welche die Regeln der traditionellen Immobilienvermittlung radikal neu definiert.

Die Ausübung des Maklerberufs in der Romandie ist zu einem echten Spießrutenlauf geworden, der durch einen historischen Rückgang der verfügbaren Immobilienbestände und einen Einbruch des Transaktionsvolumens gekennzeichnet ist. Während der Schweizer Immobilienmarkt durch eine nationale Leerwohnungsquote geprägt ist, die unter die kritische Marke von 1,0 % fällt, gleicht der Zugang zu qualitativ hochwertigen Verkaufsaufträgen mittlerweile einer regulatorischen und wettbewerbsintensiven Treibjagd. Die Marktteilnehmer müssen mit einer Verknappung des klassischen Wohnungsangebots, einer Zurückhaltung der Eigentümer beim Verkauf aus Angst vor mangelnden Reallokationsmöglichkeiten und einem allgemeinen Rückgang der Transaktionsaktivität kämpfen, was die Liquidität der Agenturen auf eine harte Probe stellt. Dieser flächendeckende Angebotsmangel zwingt die Branche zum dringenden Wandel: Die reine Vermittlungstätigkeit ist obsolet geworden und macht Platz für eine tiefgreifende landwirtschaftliche, baurechtliche und technische Ingenieurkompetenz, um Werte dort zu lokalisieren, wo sie im Verborgenen liegen.

Warum sinkt das Angebot an Verkaufsobjekten in der Westschweiz?

Die Situation der Immobilienvermittlung in der Romandie: Eine Branche unter Hochdruck

Die Maklerlandschaft in der Westschweiz erlebt eine erzwungene Restrukturierung. Die Anzahl der Akteure auf dem Markt, die während des Jahrzehnts der Negativzinsen explosionsartig angestiegen war, passt sich heute abrupt an die neuen wirtschaftlichen Realitäten an. Unabhängige Makler und schlanke Agenturstrukturen ohne solide finanzielle Basis sehen sich mit einem drastischen Einbruch ihrer Honorareinnahmen konfrontiert, der direkt mit dem Rückgang des Transaktionsvolumens im vergangenen Jahr korreliert.

Diese Erosion des Mandatsvolumens erklärt sich primär durch das immobile Verhalten der Westschweizer Immobilieneigentümer. In einem Umfeld akuter Mietwohnungsnot und hoher Kaufpreise wirft der Verkauf einer Immobilie in der Schweiz – sei es im Genferseebecken, im Kanton Waadt, in Genf oder im Wallis – unweigerlich die kritische Frage des Folgewohnsitzes auf. Viele Eigentümer ziehen es daher vor, ihre Immobilienwerte zu halten, was den natürlichen Zyklus des Wohnungsmarktes mechanisch blockiert.

Für den Makler erfordert der Erhalt eines exklusiven Verkaufsauftrags heute Akquisitionsaufwände und eine kommerzielle Marktbearbeitung, die um ein Vielfaches aggressiver sind als noch vor wenigen Jahren. Der Verdrängungswettbewerb zwischen den Agenturen um ein einziges marktfähiges Objekt erzeugt zudem einen Abwärtsdruck auf die Provisionssätze, was das Geschäftsmodell der Intermediäre zusätzlich schwächt.

Die Lähmung des Neubausektors: Das klassische Angebot ist blockiert

Die Westschweizer Maklerbranche kann sich nicht mehr auf das traditionelle Wachstumselement der Promotionsprojekte verlassen (Verkauf ab Plan, Stockwerkeigentum im Bau). Der gesamte Neubaubereich verzeichnet eine historische Verlangsamung.

Die Ursachen dieser Blockade sind vielfältig und den Branchenprofis bestens bekannt:

Die massive Verlängerung der Baubewilligungsverfahren: Systematische Einsprachen, die zunehmende Komplexität von Umweltauflagen und die Überlastung der kommunalen und kantonalen Bauämter führen dazu, dass die durchschnittliche Frist bis zur Erteilung einer Bezugsbewilligung in bestimmten Regionen des Genferseebeckens auf über 24 oder gar 32 Monate ansteigt.

Die restriktiven Vorgaben des RPG (Raumplanungsgesetz): Die Reduzierung oder Rückzonung von Baulandparzellen schränkt das verfügbare Landpotenzial drastisch ein und zwingt den Markt dazu, sich der inneren Verdichtung sowie der Umnutzung von bestehenden Strukturen zuzuwenden.

Um die Auswirkungen dieser Verlangsamung auf die Marktwerte und Erstellungskosten zu verdeutlichen, genügt ein Blick auf die Finanzarchitektur von Transformationsprojekten. Im Rahmen der Immobilienbewertung müssen Experten und Makler sowohl die technische Wertminderung (Alterung, thermische Obsoleszenz) als auch die Kosten für die finanzielle Rückstellung einkalkulieren, die zur Anpassung der Gebäude an moderne Energiegesetze zwingend erforderlich sind.

Vom passiven Makler zum Land- und Baurechtsingenieur: Ausnutzung von Ausnützungsreserven

Angesichts des Mangels an schlüsselfertigen Verkaufsobjekten hängt das Überleben einer Immobilienagentur oder eines unabhängigen Vermittlers von der Fähigkeit ab, das Angebot selbst zu generieren. Dies bedingt die Transformation von der reinen Vermittlerrolle hin zu einer technischen Fachberatung im Bereich der Grundstücks- und Arealaufwertung. Der strategische Schlüssel liegt in der Identifikation und Aktivierung von Ausnützungsreserven bestehender Parzellen.

Wie im Fachmaterial der USPI Formation dargelegt, umfassen die Ausnützungsreserven "alles, was eine bessere Nutzung einer Immobilie ermöglicht und folglich deren Wert steigert". Um der Mandatskrise entgegenzuwirken, muss der Makler das Entwicklungspotenzial einer Liegenschaft auf drei analytischen Ebenen bewerten:

  1. Das theoretische Potenzial Dies beinhaltet die präzise Analyse der kommunalen und kantonalen Bau- und Zonenreglemente (Plan Général d'Affectation - PGA, Plan Partiel d'Affectation - PPA). Der Makler muss die Ausnützungsziffer (IUS), die zulässigen Gebäudedimensionen (Fassadenhöhe, maximale Gebäudelänge) sowie die Grenzabstände ermitteln. Besondere Beachtung verdienen laufende RPG-Revisionen, da diese kurzfristig Bauzonen-Anpassungen oder Ausnützungsstopps bewirken können.

  2. Das reale Potenzial Hierbei werden die öffentlich-rechtlichen Vorgaben mit den physischen Gegebenheiten des Grundstücks und der bestehenden Bausubstanz abgeglichen. Die Topografie (Hanglage, Böschungen), die Geometrie der Parzelle, dingliche Restriktionen wie Bauverbote oder Wegrechte im Grundbuch sowie das Volumen nicht ausgebauter Gebäudeteile (Dachstühle, Scheunen, Untergeschosse) bestimmen die tatsächliche Machbarkeit.

  3. Das zu realisierende Potenzial Der Makler muss unter Berücksichtigung der lokalen Marktbedürfnisse und der Erstellungskosten abwägen. Maximale Ausnutzung ist nicht immer gleichbedeutend mit maximaler Wirtschaftlichkeit – der Markt hat immer das letzte Wort. Es gilt, die finanzielle Tragfähigkeit einer Gebäudeaufstockung, eines Erweiterungsbaus oder des Ausbaus von Dachreserven detailliert zu simulieren.

Die Residualwertmethode: Das unverzichtbare Werkzeug des modernen Maklers.

Um einen Eigentümer zum Verkauf oder einen Investor zum Kauf einer sanierungsbedürftigen Immobilie oder eines unternutzten Grundstücks zu bewegen, muss der Makler die Bewertung mittels der Residualwertmethode fehlerfrei beherrschen. Dieser mathematische Ansatz stellt sicher, dass Erstellungskosten und zukünftige Projektgewinne in ein realistisches Verhältnis gesetzt werden.

Die Berechnung des Residualwerts folgt einem strikten analytischen Prozess:

  1. Bestimmung der bestmöglichen Nutzung (Highest and Best Use): Definition des marktgerechtesten Projekttyps für den lokalen Standort (z.B. Wohnungsbau im mittleren Preissegment).
  2. Volumetrische Simulation: Berechnung des bestehenden Volumens und des maximalen Entwicklungspotenzials (in m³ oder Bruttogeschossfläche gemäss Zonenreglement).
  3. Berechnung der globalen Erstellungskosten: Schätzung der gesamten Anlagekosten (Baukosten BKP 2, Umgebung und Erschliessung BKP 4, Honorare und Nebenkosten BKP 5) inklusive Reserven für technische Risiken und kommunale Gebühren.
  4. Schätzung des Endmarktwerts des Projekts: Ermittlung des realisierbaren Nettoverkaufserlöses (Verkehrswert der STWE-Einheiten) oder des kapitalisierten Ertragswerts bei einer langfristigen Vermietung der Liegenschaft.
  5. Berechnung des Residualwerts: Residualwert = Netto-Verkaufserlös / Ertragswert - Gesamte Erstellungskosten

Durch die Beherrschung dieser Methodik befreit sich der Westschweizer Makler von der reinen Abhängigkeit vom klassischen Objektmarkt. Er wird fähig, Einfamilienhäuser auf grossen Grundstücken mit hoher Ausnützungsreserve zu identifizieren, deren wirtschaftlichen Mehrwert für einen Projektentwickler transparent nachzuweisen und so ein Doppelmandat zu generieren: Den Ankauf des Grundstücks und den anschliessenden Exklusivverkauf der neu entstehenden STWE-Einheiten. Dies ist der einzig nachhaltige Weg zur Rekonstruktion eines Portfolios im strukturell ausgetrockneten Immobilienmarkt des Jahres 2026.

Artikel verfasst von  |  Veröffentlicht am
Steeve Hardy TrueMedia
Steeve Hardy
Geschäftsführer  ▪  Just Immo Sàrl

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